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Netflix stellt ByteDance ein Ultimatum: „Hochgeschwindigkeits-Piraterie-Engine“ muss gestoppt werden

In einer signifikanten Eskalation des anhaltenden Konflikts zwischen Hollywood und dem Silicon Valley hat Netflix dem chinesischen Tech-Riesen ByteDance mit sofortigen rechtlichen Schritten gedroht. Der Marktführer im Streaming-Bereich hat ein scharf formuliertes Abmahnschreiben (Cease-and-Desist Letter) bezüglich „Seedance 2.0“ herausgegeben, dem neuesten Tool für generative KI (Generative AI) von ByteDance. Netflix behauptet, dass das Tool systematisch sein geistiges Eigentum verletzt, und beschreibt die Plattform als eine „Hochgeschwindigkeits-Piraterie-Engine“, die milliardenschwere Franchises wie „kostenlose, gemeinfreie Clip-Art“ behandelt.

Der Schritt markiert einen Wendepunkt für Netflix, das sich zuvor relativ ruhig verhalten hatte, während Konkurrenten wie Disney, Paramount und Warner Bros. öffentlich gegen KI-Entwickler kämpften. Die Veröffentlichung von Seedance 2.0 Anfang dieses Monats – und die darauf folgende Flut an viralen, nicht autorisierten Clips mit Charakteren aus Stranger Things und Bridgerton – hat das Unternehmen jedoch zum Handeln gezwungen. Netflix hat ByteDance ein striktes Zeitfenster von drei Tagen eingeräumt, um alle aus seinen Inhalten abgeleiteten Trainingsdaten zu entfernen und „sinnvolle, nicht umgehbare Schutzmaßnahmen“ zu implementieren, andernfalls droht eine Klage vor einem Bundesgericht.

Die Vorwürfe der „Hochgeschwindigkeits-Piraterie-Engine“

Der Kern der Beschwerde von Netflix, verfasst von der Leiterin der Rechtsabteilung für Rechtsstreitigkeiten Mindy LeMoine, besteht nicht nur darin, dass die KI urheberrechtlich geschützte Charaktere reproduzieren kann, sondern dass sie anscheinend gezielt darauf trainiert wurde, dies mit einer forensischen Genauigkeit zu tun. Im Gegensatz zu früheren generischen KI-Modellen, die vielleicht ein „gruseliges 80er-Jahre-Monster“ erzeugen könnten, generiert Seedance 2.0 den spezifischen, markenrechtlich geschützten Demogorgon aus Stranger Things mit biologischer Präzision.

„Netflix hat ByteDance niemals autorisiert, unsere Inhalte zur Erstellung dieser Bilder oder Videos zu verwenden“, schrieb LeMoine in dem Brief, der Branchenquellen vorliegt. „Die Aktivitäten von ByteDance sind vorsätzlich und stellen eine direkte sowie sekundäre Urheberrechtsverletzung dar. Aktuelle forensische Beweise deuten darauf hin, dass Seedance verwendet wird, um nicht autorisierte abgeleitete Werke in einem Ausmaß zu erstellen, das die Integrität unseres Storytellings gefährdet.“

Das Schreiben hebt mehrere eklatante Beispiele für Verstöße hervor und stellt fest, dass die KI nicht bloß Ähnlichkeiten halluziniert, sondern spezifische Kostümdesigns, Kinematografie-Stile und Charakterinteraktionen repliziert, die einzigartig für Netflix-Eigentum sind.

Im Schreiben angeführte spezifische Verstöße

Das Rechtsteam von Netflix legte eine detaillierte Liste von Beschwerden vor und kategorisierte die Verstöße nach Franchise, um die systemische Natur des Problems zu demonstrieren. Die folgende Tabelle skizziert die wichtigsten Verstöße, die in dem Abmahnschreiben angeführt werden:

Franchise Spezifischer Verletzungsanspruch Art des Verstoßes
Stranger Things High-Fidelity-Reboots des Serienfinales; Reproduktion von Demogorgons und dem Mind Flayer. Nicht autorisierte abgeleitete Werke; Verletzung des Patents für Kreaturendesign.
Bridgerton Detaillierte Replikation der Maskenball-Outfits aus Staffel 4; insbesondere Sophie Baeks „Lady in Silver“-Kleid. Urheberrechtsverletzung beim Kostümdesign; Verwässerung der Markenästhetik.
Squid Game Nicht autorisierte Crossover-Inhalte, die reale Figuren (z. B. Elon Musk) in das unverwechselbare visuelle Universum der Show einfügen. Missbräuchliche Verwendung der Ausstattung (Trade Dress); schädigende Markenassoziation.
KPop Demon Hunters Replikation des spezifischen visuellen Stils und der Charakterdesigns der Hauptfigur Rumi. Diebstahl des Animationsstils; direkte Urheberrechtsverletzung am Charakter.

Die Einbeziehung von KPop Demon Hunters ist besonders bemerkenswert. Da es sich um einen animierten Musical-Film mit einem sehr ausgeprägten visuellen Stil handelt, legt seine präzise Replikation nahe, dass Seedance 2.0 mit den spezifischen Frame-für-Frame-Daten des Films trainiert wurde, anstatt nur allgemeine „Anime“- oder „Musical“-Konzepte aus dem offenen Web zu lernen.

Der technologische Sprung: Warum Seedance 2.0 anders ist

Die Panik der Branche wird durch die schiere Leistungsfähigkeit von Seedance 2.0 angetrieben. Das am 12. Februar 2026 veröffentlichte Modell stellt einen Generationssprung in der KI-Videosynthese dar. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die mit zeitlicher Konsistenz und „Morphing“-Artefakten zu kämpfen hatten, nutzt Seedance 2.0 eine „vereinheitlichte multimodale Audio-Video-Joint-Architektur“ (Unified Multimodal Audio-Video Joint Architecture).

Laut ByteDances eigenem Werbematerial kann das Modell bis zu neun Bilder, drei Videoclips und natürliche Sprachanweisungen gleichzeitig verarbeiten. Es ermöglicht eine Kontrolle in „Industriequalität“ über Kamerabewegungen, Beleuchtung und Physik. Für Schöpfer ist dies ein Traumwerkzeug; für Urheberrechtsinhaber ist es ein Albtraum.

Die Fähigkeit des Modells, „Video und Audio relativ nahtlos zu mischen“, wurde kurz nach dem Start eindrucksvoll demonstriert, als ein Clip, der einen Kampf zwischen den Schauspielern Brad Pitt und Tom Cruise zeigt, viral ging. Das Video sah ihnen nicht nur ähnlich; es bewegte sich wie sie und fing die ausgeprägten physischen Eigenheiten der Schauspieler ein. Diese „Fähigkeit zur physischen Wiederherstellung“ (Physical Restoration Capability), wie ByteDance sie nennt, ist genau das, was es Nutzern ermöglicht, eine Szene aus Stranger Things zu generieren, die sich authentisch anfühlt und nicht wie eine billige Parodie.

Branchenweite Gegenreaktionen

Netflix steht in diesem Kampf nicht alleine da. Die Motion Picture Association (MPA) hat das Tool bereits verurteilt und es als ein Vehikel für die „massive, nicht autorisierte Nutzung von US-urheberrechtlich geschützten Werken“ bezeichnet.

Disneys Standpunkt:
Anfang dieser Woche verschickte The Walt Disney Company eigene rechtliche Drohungen, nachdem entdeckt wurde, dass Seedance 2.0 nahezu perfekte Clips von Marvel-Superhelden und Star Wars-Droiden generieren konnte. Disney-Anwälte charakterisierten den Trainingsprozess des Tools als einen „virtuellen Raubzug“ durch ihre geschützten Bibliotheken.

Warner Bros & Paramount:
Beide Studios haben ähnliche Abmahnschreiben herausgegeben. Warner Bros. ist besonders besorgt über die Verwässerung seiner DC-Universe-Eigenschaften, während Paramount die nicht autorisierte Nutzung seiner Mission: Impossible-IP anführte – eine Sorge, die durch den viralen Tom-Cruise-Clip bestätigt wurde.

SAG-AFTRA:
Die Schauspielgewerkschaft gehört zu den lautstärksten Gegnern. In einer Erklärung, die kurz nach dem Auftauchen des „Pitt vs. Cruise“-Videos veröffentlicht wurde, nannte SAG-AFTRA die Technologie „inakzeptabel“ und eine Bedrohung für die Lebensgrundlage menschlicher Talente. Sie argumentieren, dass die Verwendung des Ebenbilds eines Schauspielers zum Training eines KI-Modells ohne Zustimmung eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte darstellt – eine rechtliche Grauzone, die dieser Rechtsstreit zu klären hofft.

Die Verteidigung von ByteDance und die Debatte um „Leitplanken“

Als Reaktion auf den wachsenden Druck hat ByteDance versucht, die Situation zu deeskalieren. Ein Sprecher des Unternehmens erklärte am Montag, man „respektiere geistige Eigentumsrechte“ und „unternehme Schritte, um die aktuellen Sicherheitsvorkehrungen zu stärken“.

ByteDance behauptet, Keyword-Sperren (die Prompts wie „Mickey Mouse“ oder „Stranger Things“ verhindern) und Bilderkennungsfilter implementiert zu haben, um Uploads bekannter urheberrechtlich geschützter Charaktere abzulehnen. Die in Tech-Blogs und Foren populär gewordenen Umgehungen mittels „Clean Browser“ und VPN deuten jedoch darauf hin, dass diese Leitplanken leicht zu umgehen sind.

Nutzer haben herausgefunden, dass das Modell den geschützten Charakter dennoch generiert, wenn sie ihn visuell beschreiben, anstatt ihn beim Namen zu nennen – zum Beispiel, indem sie nach einem „großen, blassen, humanoiden Monster mit einem blumenartigen Kopf, der sich öffnet, um Zähne zu offenbaren“ fragen, anstatt nach einem „Demogorgon“. Diese Lücke im „Prompt Engineering“ ist zentral für das Argument von Netflix: Wenn das Modell weiß, wie die Kreatur aussieht, ohne dass ihr Name genannt wird, muss das Modell die urheberrechtlich geschützten Daten in seinem latenten Raum enthalten.

Die rechtlichen und kreativen Auswirkungen

Diese potenzielle Klage trifft den Kern des umstrittensten Themas bei generativer KI: Fair Use versus Urheberrechtsverletzung in Trainingsdaten.

Sollte Netflix die Klage durchziehen, könnte dies ein Gericht dazu zwingen zu entscheiden, ob das Training eines neuronalen Netzwerks mit urheberrechtlich geschützten Filmen eine transformative Nutzung oder eine abgeleitete Reproduktion darstellt. Die aggressive Haltung von Netflix deutet darauf hin, dass sie zuversichtlich sind, dass Seedance 2.0 die Grenze vom „Lernen von“ zum „Auswendiglernen“ ihrer Inhalte überschritten hat.

Für die Kreativbranche steht die Existenz auf dem Spiel. Wenn Tools wie Seedance 2.0 ohne Lizenzvereinbarungen betrieben werden dürfen, sinkt der Wert des Besitzes einer IP-Bibliothek drastisch. Warum sollte man Netflix abonnieren, um die nächste Staffel von Squid Game zu sehen, wenn man sein eigenes Staffelfinale auf dem Laptop generieren kann?

Umgekehrt könnte ein Urteil gegen ByteDance für den KI-Sektor massive Haftungsrisiken bedeuten und das Neutraining von Modellen von Grund auf erzwingen – ein Prozess, der Milliarden kosten und die Technologie um Jahre zurückwerfen würde.

Während die Drei-Tage-Frist abläuft, beobachten die Tech- und Unterhaltungswelt die Situation genau. Wird ByteDance Seedance 2.0 die Fähigkeit entziehen, Hollywood-Inhalte zu generieren, oder wird sich dieser Streit zum definierenden Urheberrechtsprozess der KI-Ära entwickeln? Angesichts des Tons in Mindy LeMoines Brief erscheint eine Einigung ohne Kapitulation unwahrscheinlich.

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