
In einer wegweisenden Ankündigung auf der 3DEXPERIENCE World 2026 in Houston haben die Technologie-Titanen NVIDIA und Dassault Systèmes eine langfristige strategische Partnerschaft vorgestellt, die das industrielle Umfeld neu definieren soll. Die Zusammenarbeit konzentriert sich auf die Entwicklung einer gemeinsamen Industriellen KI (Industrial AI)-Plattform, ein Schritt, der einen Paradigmenwechsel von traditionellen digitalen Modellen hin zu wissenschaftlich validierten "Industry World Models" signalisiert.
Diese Partnerschaft vereint NVIDIAs Dominanz in KI-Infrastruktur und beschleunigtem Rechnen mit Dassault Systèmes' unvergleichlicher Expertise in 3DEXPERIENCE virtuelle Zwillinge (virtual twins). Durch die Zusammenführung dieser Fähigkeiten wollen die Unternehmen die künstliche Intelligenz (artificial intelligence) in den unverrückbaren Gesetzen der Physik verankern und damit über die generativen Text- und Bildfähigkeiten der konsumorientierten KI hinausgehen, um missionskritische Systeme zu schaffen, die Biologie, Materialien und Fertigungsprozesse mit absoluter wissenschaftlicher Genauigkeit simulieren können.
Die Kerninnovation dieser Zusammenarbeit ist das Konzept der "Industry World Models". Im Gegensatz zu standardmäßigen digitalen Zwillingen, die oft statische Darstellungen physischer Anlagen sind, sind Industrie-Weltmodelle dynamische, physikbasierte Simulationen, die als System of Record für industrielle Abläufe dienen.
"Physical AI ist die nächste Grenze der künstlichen Intelligenz (artificial intelligence), verankert in den Gesetzen der physischen Welt", erklärte Jensen Huang, Gründer und CEO von NVIDIA, während der Keynote. Er betonte, dass die heutigen Foundation-Modelle zwar auf internetgroßen Text- und Video-Datensätzen trainiert werden, die nächste Generation jedoch auf der "Physik der Welt" trainiert werden müsse, um für Ingenieurwesen und wissenschaftliche Entdeckungen wirklich nützlich zu sein.
Pascal Daloz, CEO von Dassault Systèmes, bekräftigte diese Vision und stellte fest, dass die Partnerschaft KI von einem Vorhersagewerkzeug in ein System verwandelt, das die Komplexität der realen Welt versteht. "Wenn KI in Wissenschaft, Physik und validiertem industriellem Wissen verankert ist, wird sie zum Verstärker menschlicher Kreativität", erklärte Daloz.
Die Zusammenarbeit integriert spezifische Technologien beider Unternehmen, um einen umfassenden Stack für das industrielle Metaverse aufzubauen. NVIDIA setzt seine Omniverse-Plattform und beschleunigte Rechenbibliotheken ein, um Dassaults Anwendungen zu betreiben, während Dassault seine 3DEXPERIENCE-Plattform für NVIDIAs KI-Infrastruktur öffnet.
Ein bedeutendes Highlight der Ankündigung ist die Integration von NVIDIAs ALCHEMI Generative AI-Services mit Dassaults BIOVIA-Anwendungen. Diese Kombination wird die Materialwissenschaft revolutionieren, indem Forschern ermöglicht wird, chemische und biologische Räume mit Quanten-Niveau-Genauigkeit zu erkunden – mit Geschwindigkeiten von bis zu 10.000 Mal schneller als traditionelle Methoden.
Darüber hinaus übernimmt NVIDIA Dassaults Fähigkeiten im modellbasierten Systems Engineering, um seine eigenen zukünftigen KI-Fabriken zu planen, beginnend mit der Rubin-Plattform von NVIDIA. Diese wechselseitige Übernahme unterstreicht die Tiefe der Partnerschaft und geht über eine einfache Softwareintegration hinaus zu einer grundlegenden Umstrukturierung der Gestaltung und des Betriebs industrieller Anlagen.
Die folgende Tabelle skizziert die strategische Arbeitsteilung und die technologischen Beiträge, die diese neue Plattform vorantreiben:
Strategische Beitragsmatrix
| Kernkomponente | NVIDIA-Technologien | Technologien von Dassault Systèmes | Operatives Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Infrastruktur | KI-Infrastruktur & Omniverse Rubin-Plattform-Architektur |
Fabriken mit virtuellen Zwillingen (Virtual Twin Factories) Modellbasierte Systementwicklung (Model-Based Systems Engineering, MBSE) |
Skalierbare, souveräne KI-Fabriken, ausgelegt für rechenintensive Workloads. |
| Simulation | Physikalisch basierte KI-Modelle Beschleunigte Rechenbibliotheken |
3DEXPERIENCE-Plattform Wissenschaftliche Validierungsschichten |
Industrie-Weltmodelle (Industry World Models), die in der Lage sind, das reale Verhalten vor dem physischen Aufbau vorherzusagen. |
| Materialwissenschaft | ALCHEMI Generative KI-Services NIM-Mikrodienste |
BIOVIA-Anwendungen Chemische & biologische Datensätze |
Beschleunigte Entdeckungen in der Arzneimittelentwicklung und bei nachhaltigen Materialien. |
| Benutzeroberfläche | Echtzeit-Rendering Interaktive Simulation |
Agentische KI "Virtuelle Begleiter (Virtual Companions)" (Aura, Leo, Marie) |
KI-Agenten, die als Expertenassistenten für Ingenieure und Wissenschaftler fungieren. |
| Bereitstellung | Omniverse DSX-Blueprint Edge-Computing-Fähigkeiten |
OUTSCALE-Cloud-Services Souveräner Datenschutz |
Sichere, weltweite Bereitstellung von industrieller KI (industrial AI), die Datensouveränität respektiert. |
Eine der nutzerzentriertesten Innovationen ist das Konzept der "virtuellen Begleiter". Dabei handelt es sich nicht nur um Chatbots, sondern um agentische KI-Systeme, die in die 3DEXPERIENCE-Plattform eingebettet sind. Angetrieben von den zugrunde liegenden Industrie-Weltmodellen unterstützen diese Agenten – mit den Namen Aura (für Business), Leo (für Engineering) und Marie (für Wissenschaft) – Fachkräfte, indem sie komplexe Aufgaben automatisieren, Ergebnisse simulieren und fachkundige Empfehlungen auf Basis umfangreicher Datensätze geben.
Beispielsweise könnte ein Luft- und Raumfahrtingenieur "Leo" bitten, das Design einer Turbinenschaufel für thermische Effizienz zu optimieren. Der Agent würde nicht nur ein 3D-Modell erzeugen, sondern auch dessen Leistung unter Flugbedingungen mithilfe von NVIDIAs Physik-Engines simulieren, die strukturelle Integrität validieren und Materialanpassungen vorschlagen – und das alles in Echtzeit.
Die Auswirkungen dieser Allianz reichen weit über den Technologiesektor hinaus und versprechen unmittelbare Anwendungen in Branchen, die auf Präzision und Sicherheit angewiesen sind.
Die Unterscheidung zwischen "generativ" und "wissenschaftlich fundiert" ist in diesem Kontext entscheidend. Während generative KI die Welt durch ihre Fähigkeit, Inhalte zu erzeugen, beeindruckt hat, verlangt Industrielle KI (Industrial AI) einen höheren Wahrheitsstandard. Eine Halluzination in einem Chatbot ist ärgerlich; eine Halluzination in einer Triebwerkssimulation eines Flugzeugs ist katastrophal.
Indem sie ihre KI-Modelle wissenschaftlich validieren und in physikalische Gesetze verankern, adressieren NVIDIA und Dassault Systèmes die primäre Hürde für die KI-Einführung in der Schwerindustrie: Vertrauen. Diese Partnerschaft stellt sicher, dass die geschaffenen "virtuellen Zwillinge" nicht nur visuelle Repliken sind, sondern funktionale, testbare und wissenschaftlich akkurate Gegenstücke zur Realität.
Aus unserer Sicht bei Creati.ai repräsentiert diese Partnerschaft die Reifung der KI-Branche. Wir bewegen uns über die "Hype-Phase" der generativen KI in die "Aufbauphase" der Industriellen KI (Industrial AI). Die Zusammenarbeit zwischen NVIDIA und Dassault Systèmes deutet darauf hin, dass die Zukunft des Schaffens nicht nur darin besteht, Bilder oder Texte zu generieren, sondern den grundlegenden Stoff unserer physischen Welt zu simulieren und zu optimieren.
Wenn diese Industrie-Weltmodelle zum Standard werden, erwarten wir einen Innovationsschub, bei dem die Kosten des Experimentierens nahezu gegen null gehen. Ingenieure, Biologen und Architekten werden nicht länger durch die Beschränkungen physischer Prototypen begrenzt sein und eine neue Welle wissenschaftlich fundierter Kreativität freisetzen. Das industrielle Metaverse ist nicht länger ein Konzept; es ist jetzt eine Ingenieursdisziplin.