
In einem strategischen Schritt, der die wachsende Dringlichkeit regionaler technologischer Unabhängigkeit unterstreicht, hat Atos offiziell Bull als eigenständige Leitmarke für Hochleistungsrechnen (High-Performance Computing, HPC), Künstliche Intelligenz (KI) und Quantentechnologien wieder eingeführt. Die Ankündigung, die am 29. Januar 2026 erfolgte, markiert die Rückkehr eines neunzig Jahre alten Titanen der französischen Ingenieurskunst, der nun neu ausgerichtet wird, um als Eckpfeiler der digitalen Souveränität Europas in einer Ära zu dienen, die vom Wettlauf um generative KI (Generative AI) und Exascale-Computing geprägt ist.
Diese Wiederbelebung ist nicht lediglich ein Markenmanöver, sondern ein kritischer Bestandteil einer breiteren, staatlich gestützten Umstrukturierung der Atos-Gruppe. Durch die Ausgliederung seiner Sparte für fortgeschrittenes Rechnen in eine eigenständige Einheit will Atos seine strategischsten Vermögenswerte abschirmen und beschleunigen, um sicherzustellen, dass Europa die Kontrolle über die Hardware- und Software-Stacks behält, die für nationale Verteidigung, wissenschaftliche Forschung und industrielle Innovation unerlässlich sind.
Ursprünglich 1931 zur Herstellung von Lochkartenmaschinen gegründet, steht die Marke Bull seit langem für europäische Rechnerresilienz. Ihre Wiederbelebung im Jahr 2026 erfolgt zu einem entscheidenden Zeitpunkt. Die Einheit, die zuvor unter dem Eviden-Dach operierte, wurde herausgelöst, um als unabhängige Kraftzentralefunktionieren zu können. Diese Trennung ermöglicht es Eviden, sich auf seine Kernkompetenzen — Cybersicherheit, Vision-KI und mission-kritische Systeme — zu konzentrieren, während Bull die Verantwortung für die schwere Hardware übernimmt: Supercomputer und Quantensimulatoren.
Der strukturelle Wandel folgt einer Aktienkaufvereinbarung, die im Juli 2025 mit dem französischen Staat unterzeichnet wurde; der endgültige Abschluss der Transaktion wird für das erste Halbjahr 2026 erwartet. Diese Entwicklung positioniert Bull als ein privates, unabhängiges Unternehmen, das stark durch staatliches Interesse abgesichert ist, um einen ausländischen Erwerb sensibler Dual-Use-Technologien zu verhindern.
Emmanuel Le Roux, Senior Vice President und Leiter von Bull, betonte, dass dieser Schritt eine Wiederverbindung mit einem tiefen industriellen Erbe darstelle. "Unsere Mission ist klar: leistungsstarke, nachhaltige und souveräne Rechen- und KI-Technologien bereitzustellen, die es Nationen und Industrien ermöglichen, mit Vertrauen und Zielstrebigkeit zu innovieren", sagte Le Roux. Die neue Organisation Bull verfügt über eine Belegschaft von mehr als 2.500 Ingenieurinnen und Ingenieuren sowie Experten und stützt sich auf ein Portfolio von 1.500 Patenten, was ihre Bereitschaft signalisiert, auf globaler Ebene gegen US-amerikanische und chinesische Tech-Giganten zu konkurrieren.
Das Herzstück von Bulls Angebot bleibt die BullSequana-Supercomputerlinie, die bereits ihren Platz in der European High-Performance Computing Joint Undertaking (EuroHPC JU) gesichert hat. Der Relaunch legt einen erneuten Schwerpunkt auf ein „End-to-End“-Wertversprechen. Im Gegensatz zu Wettbewerbern, die sich möglicherweise ausschließlich auf Chip-Design oder Cloud-Services konzentrieren, positioniert sich Bull als vertikal integrierter Akteur, der den gesamten Stack beherrscht — von Chip-Integration und Interconnects über KI-Plattformen bis hin zur dekarbonisierten Rechenzentrumsinfrastruktur.
Strategische Säulen der neuen Bull-Marke
Die folgende Tabelle skizziert die Kernbetriebsfelder, die Bulls erneuerte Marktstrategie definieren:
| Pillar | Core Focus | Key Technologies & Strategic Goals |
|---|---|---|
| Exascale Computing | Bereitstellung enormer Rechenleistung für wissenschaftliche Simulationen und industrielle Modellierung. | BullSequana XH3000/XH3500: Architekturen, die darauf ausgelegt sind, über Exascale hinaus zu skalieren und gleichzeitig die Energieeffizienz durch Direktflüssigkeitskühlung (Direct Liquid Cooling, DLC) zu maximieren. |
| Sovereign AI | Bereitstellung sicherer Infrastrukturen zum Training und zur Inferenz großer Modelle innerhalb europäischer Grenzen. | AI Factories: Integrierte Hardware-/Software-Stacks, die Datenschutz und Compliance mit dem EU AI Act sicherstellen und auf Verteidigungs- und Regierungsbereiche ausgerichtet sind. |
| Quantum Innovation | Überbrückung der Lücke zwischen klassischem HPC und zukünftigen Quanten-Vorteilen. | Quantum Learning Machine (QLM): Emulationsplattformen, die Forschern ermöglichen, heute Quantenalgorithmen für die Hardware von morgen zu entwickeln. |
| Sustainable HPC | Minimierung des CO2-Fußabdrucks großer Datenverarbeitungszentren. | Dekarbonisierungsdienste (Decarbonization Services): Eigentümliche Kühlungstechnologien und Energieverwaltungssuiten, die darauf ausgelegt sind, die Total Cost of Ownership (TCO) und die Umweltbelastung zu reduzieren. |
Der Zeitpunkt von Bulls Relaunch ist untrennbar mit dem Konzept der Digitalen Souveränität (Digital Sovereignty) verbunden. Angesichts steigender geopolitischer Spannungen und zerbrechender Lieferketten sind europäische Regierungen zunehmend misstrauisch gegenüber der Abhängigkeit von nicht-domestischer Infrastruktur für kritische Aufgaben. Ob es um die Modellierung des Klimawandels, die Simulation nuklearer Bestände oder das Training sensibler KI-Modelle im Gesundheitswesen geht — die Nachfrage nach "souveräner Cloud" (sovereign cloud) und "souverärem Rechnen" (sovereign compute) hat sich von einer politischen Präferenz zu einer Frage der nationalen Sicherheit entwickelt.
Bull ist einzigartig positioniert, diese Lücke zu füllen. Durch die Kontrolle der Fertigungskapazitäten und der Lieferkettenlogik innerhalb Europas bietet Bull eine Gegenposition zur Dominanz von Hyperscalern wie AWS, Google und Microsoft. Während jene Unternehmen auf die Vorherrschaft im Public Cloud-Bereich abzielen, richtet sich Bull an die On-Premise- und Hybrid-Bedürfnisse staatlicher Stellen und regulierter Industrien, in denen Datenresidenz nicht verhandelbar ist.
Der Souveränitätsaspekt ist auch ein kommerzieller Differenzierer. In Sektoren wie Verteidigung und Energie ist die Fähigkeit, den kompletten Technologie-Stack zu prüfen — um sicherzustellen, dass keine Hintertüren oder unautorisierte Datenausleitungen vorhanden sind — eine hochrangige Anforderung. Bulls Erbe und sein bevorstehender Status als staatlich gestützte, unabhängige Einheit bieten die notwendigen Freigabe- und Vertrauensniveaus, die kommerzielle Standardprodukte (COTS) nur schwer erreichen.
Die Unterscheidung zwischen Bull und Eviden ist ein entscheidender Aspekt dieser Umstrukturierung. Zuvor wurde der Markt dazu geneigt, Eviden als Sammelbecken für Atos’ Geschäfte jenseits des Erbes zu betrachten. Durch die Herauslösung der Einheit für fortgeschrittenes Rechnen macht die Gruppe ihr Wertversprechen klarer.
Diese Trennung ermöglicht schärfere Investitionsstrategien. Investoren oder Staatsfonds, die an Deep-Tech-Hardware und Infrastruktur interessiert sind, können Bull unterstützen, während diejenigen, die sich auf Cybersicherheitssoftware konzentrieren, sich an Eviden wenden können. Sie vereinfacht auch Partnerschaften; Bull kann nun agnostischer mit Softwareanbietern zusammenarbeiten, die Eviden zuvor möglicherweise als Konkurrenten betrachtet haben.
Mit Blick nach vorn steht Bull vor bedeutenden Herausforderungen und Chancen. Der HPC-Markt wandelt sich schnell hin zu KI-zentrierten Architekturen. Traditionelle Simulationen (z. B. das Simulieren von Wetterlagen oder des Luftstroms über einen Flügel) werden ergänzt und in einigen Fällen durch KI-Surrogate ersetzt. Bulls Erfolg wird davon abhängen, wie effektiv seine BullSequana-Systeme die neuesten Beschleuniger (GPUs und NPUs) integrieren können, während sie eine Softwareebene bieten, die die Komplexität für Data Scientists abstrahiert.
Zudem zeichnet sich am Horizont die Quantenära ab. Atos (und nun Bull) war mit seiner Quantum Learning Machine ein Pionier. Die Herausforderung wird sein, diese frühe Führungsrolle in der Emulation in eine dominierende Position in hybriden Quantum-HPC-Rechenzentren der 2030er Jahre zu überführen.
Der Relaunch von Bull ist mehr als eine nostalgische Verneigung vor der Vergangenheit; es ist eine kalkulierte Wette auf die Zukunft der europäischen Technologie. Indem das Unternehmen sein fortschrittlichstes Engineering-Talent und geistiges Eigentum unter einem einzelnen, traditionsreichen Banner zusammenführt, strebt es an, sich einen Platz dort zu sichern, wo über die Zukunft globaler Intelligenz und Rechenleistung entschieden wird. Während die Transaktion mit dem französischen Staat auf ihren Abschluss Mitte 2026 zusteuert, wird die Branche genau beobachten, ob dieser historische Bulle wirklich in eine neue Ära der Innovation vorpreschen kann.