
Da das globale Rennen um die Vorherrschaft in der künstlichen Intelligenz an Fahrt gewinnt, steht Indien an einem entscheidenden Wendepunkt. Während im Westen entwickelte große Sprachmodelle (Large Language Models, LLMs) die derzeitige Landschaft dominieren, deutet ein wachsender Konsens unter Branchenexperten und politischen Entscheidungsträgern darauf hin, dass die Abhängigkeit von diesen importierten Technologien erhebliche Risiken für die kulturelle Integrität und die strategische Autonomie Indiens birgt.
Experten von EY India haben einen eindringlichen Aufruf gestartet und argumentieren, dass die Regierung, damit Indien wirklich 'Souveräne KI' (Sovereign AI) entwickeln kann, die strategische Freigabe öffentlicher Daten priorisieren muss. Dieser Schritt gilt als Eckpfeiler für den Aufbau einheimischer KI-Systeme, die in der Lage sind, die beispiellose sprachliche und kulturelle Vielfalt des Subkontinents zu verstehen und so den inhärenten Verzerrungen entgegenzuwirken, die in globalen Modellen zu finden sind, die vorrangig mit westlichen Datensätzen trainiert wurden.
Die Einschränkungen der aktuellen globalen KI-Modelle bei der Anwendung im indischen Kontext werden zunehmend deutlich. Die meisten führenden LLMs werden mit Daten trainiert, die aus dem offenen Web extrahiert wurden und stark zugunsten englischsprachiger Inhalte aus Nordamerika und Europa verzerrt sind. Diese "Datenverzerrung" führt dazu, dass KI-Systeme Schwierigkeiten haben, Nuancen, Stimmungen und den Kontext indischer Sprachen und sozialer Strukturen zu erfassen.
Für ein Land mit 23 Amtssprachen und über 10.000 einzigartigen Dialekten ist der "One-Size-Fits-All"-Ansatz der westlichen KI unzureichend. Branchenführer weisen darauf hin, dass reine Übersetzung nicht ausreicht; echtes Verständnis erfordert Modelle, die auf einheimischen Datensätzen trainiert sind und lokale Idiome, kulturelle Referenzen und historischen Kontext erfassen.
Hauptbereiche, in denen westliche Modelle im indischen Kontext häufig versagen, sind:
Das Konzept von "Souveräne KI" ist zu einem zentralen Thema in Indiens Technologie-Fahrplan geworden. Es bezeichnet die Fähigkeit einer Nation, KI-Systeme mit inländischer Infrastruktur, nationalen Daten und einer einheimischen Arbeitskraft zu entwerfen, zu entwickeln und zu regulieren. Das ist nicht nur ein technologischer Ehrgeiz, sondern eine Frage der nationalen Sicherheit und wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit.
Die jüngste Analyse von EY India legt nahe, dass souveräne Fähigkeiten unerlässlich sind, um sensible Informationen zu schützen und sicherzustellen, dass der wirtschaftliche Wert, den KI erzeugt, im Land bleibt. Ohne einen souveränen Stack riskiert Indien, eine "digitale Kolonie" zu werden, abhängig von ausländischen API-Anbietern für kritische Infrastrukturen – von Diagnostik im Gesundheitswesen bis hin zu Werkzeugen zur finanziellen Eingliederung.
Das primäre Nadelöhr bei der Entwicklung robuster indischer KI-Modelle ist nicht Talent oder Rechenleistung, sondern Daten. Während westliche Konzerne Jahrzehnte Zeit hatten, das offene Web zu durchforsten, sind hochwertige, strukturierte Daten über Indien oft in Regierungsarchiven isoliert.
Experten von EY India argumentieren, dass die indische Regierung eine "Goldgrube" an vielfältigen Datensätzen besitzt – von Volkszählungsdemografien und meteorologischen Aufzeichnungen bis hin zu Rechtstexten und öffentlichen Gesundheitsstatistiken. Die Öffnung dieser Daten für eine verantwortungsvolle Nutzung durch indische Startups und Forscher könnte den Treibstoff liefern, der benötigt wird, um einheimische Modelle von Weltklasse zu trainieren.
Vorgeschlagener Rahmen für die Datenfreigabe:
| Datenkategorie | Potenzielle KI-Anwendung | Wirkung |
|---|---|---|
| Spracharchive | Training mehrsprachiger LLMs | Erhalt von Dialekten und Ermöglichung lokaler digitaler Dienste |
| Öffentliche Gesundheitsdaten | Prädiktive Gesundheitsmodelle | Früherkennung von Krankheiten und Ressourcenallokation in ländlichen Gebieten |
| Rechts- und Justizdaten | Legal-Tech-Assistenten | Verringerung des Rückstands an Fällen und Verbesserung des Zugangs zur Justiz |
| Agrarstatistiken | KI für Präzisionslandwirtschaft | Optimierung der Ernteerträge und Wettervorhersagen für Landwirte |
| Infrastrukturdaten | Smart-City-Planung | Verbesserung des Verkehrsmanagements und der Verteilung urbaner Versorgungsleistungen |
Obwohl die Freigabe staatlicher Daten entscheidend ist, muss sie mit strengen Datenschutzmaßnahmen in Einklang gebracht werden. Empfohlen wird kein ungezügelter Datenfreigabe, sondern die Einrichtung von „Daten-Treuhandstellen“ (Data Trusts) oder sicheren Sandboxes, in denen anonymisierte Daten für Trainingszwecke zugänglich sind, ohne die Privatsphäre Einzelner zu gefährden.
Die Umsetzung des Digital Personal Data Protection (DPDP) Act wird hier eine entscheidende Rolle spielen und die grundlegenden Regeln dafür festlegen, wie Daten verarbeitet werden dürfen. Experten schlagen vor, dass ein klarer politischer Rahmen, der anonymisierte Regierungsdaten als 'Digitales öffentliches Gut' (Digital Public Good) behandelt, den Erfolg der Unified Payments Interface (UPI) im KI-Bereich nachahmen könnte und ein lebendiges Innovationsökosystem fördert.
Indiens Anspruch ist es, sich vom weltweit größten Konsumenten digitaler Dienste zum globalen Schöpfer von KI-Lösungen zu entwickeln. Indem die KI-Entwicklung in der Realität der eigenen Bevölkerung verankert wird, kann Indien Modelle schaffen, die nicht nur kulturell genau, sondern auch hocheffizient und ressourcenschonend sind – Eigenschaften, die der Globale Süden (Global South) dringend benötigt.
Die wirtschaftlichen Einsätze sind enorm. Prognosen gehen davon aus, dass KI bis 2035 nahezu 1,7 Billionen US-Dollar zur indischen Wirtschaft beitragen könnte. Um diesen Wert zu realisieren, ist jedoch ein Strategiewechsel erforderlich. Es erfordert den Übergang vom Fein-Tuning westlicher Modelle hin zum Aufbau grundlegender Modelle von Grund auf, angetrieben vom weiten, vielfältigen und tiefen Ozean indischer Daten.
Im Verlauf des Jahres 2026 wird die Zusammenarbeit zwischen der Datentreuhänderschaft des öffentlichen Sektors und dem Innovationsmotor des privaten Sektors vermutlich die Richtung von Indiens KI-Entwicklung bestimmen. Die Botschaft der Experten ist klar: Um KI zu bauen, die für Indien funktioniert, müssen wir mit Daten beginnen, die Indien sind.