
Als sich die globale Elite in den Schweizer Alpen zum World Economic Forum 2026 versammelt, hat die Diskussion rund um Künstliche Intelligenz (KI) eine spürbare Verschiebung erfahren. Vorbei sind die Zeiten rein spekulativer Debatten über AGI-Zeitpläne oder abstrakte Sicherheitsfragen. An ihre Stelle tritt eine knallharte, physische Realität: die beispiellosen Infrastruktur- und Energieanforderungen, die nötig sind, um den KI-Boom zu tragen.
Die vorherrschende Erzählung in Davos in diesem Jahr dreht sich nicht nur um Code, sondern um Beton, Kupfer und Gigawatt. Nach einem Jahr aggressiven Infrastrukturausbaus im Jahr 2025 sehen sich Branchenführer und politische Entscheidungsträger nun dem schieren Ausmaß der Ära der „physischen KI“ gegenüber. Der Konsens ist klar: Die digitale Revolution stößt an eine physische Decke, und um sie zu durchbrechen, ist der größte Infrastrukturausbau der Menschheitsgeschichte erforderlich.
Die drängendste Sorge, die die Flure des Kongresszentrums dominiert, ist der exponentielle Anstieg des Stromverbrauchs. Jahrelang blieb der Energieverbrauch von Rechenzentren (data centers) dank Effizienzgewinnen relativ stabil. Die massenhafte Einführung von Generative KI (Generative AI) hat dieses Gleichgewicht jedoch pulverisiert.
Neue Daten, die während des Forums präsentiert wurden, unterstreichen das Ausmaß dieses Wandels. Der globale Energieverbrauch von Rechenzentren wird voraussichtlich von heute etwa 55 Gigawatt (GW) auf 84 GW in nur zwei Jahren steigen. Diese nahezu senkrechte Entwicklung ist nicht nur eine logistische Herausforderung; sie ist ein grundlegender Stresstest für nationale Stromnetze.
Tabelle: Voraussichtliche Verschiebungen der Rechenzentrumsleistungsnachfrage (2026–2027)
| Metric | Current Status (2026) | Projected Status (2027) |
|---|---|---|
| Global Power Usage | ~55 Gigawatts | ~84 Gigawatts |
| AI Workload Share | ~14% of Total Capacity | ~27% of Total Capacity |
| Primary Growth Driver | Cloud Computing | Generative AI Training & Inference |
| Grid Impact | High Localized Stress | Systemic Supply Bottlenecks |
Die Dringlichkeit dieser Energiekrise wurde in einer Grundsatzrede von US-Präsident Donald Trump hervorgehoben. Vor dem Forum sprach er offen die physischen Beschränkungen an, denen die amerikanische Tech-Dominanz gegenübersteht. „You can’t create this much energy,“ erklärte er in Bezug auf die explodierenden Anforderungen heimischer KI-Anlagen. Er merkte an, dass die USA „mehr als die doppelte Energiemenge im Land“ benötigten, um die aggressivsten Prognosen zu erfüllen — ein Unterfangen, das er unter den aktuellen regulatorischen und Produktionszeitplänen als praktisch unmöglich bezeichnete.
Diese Einschätzung spiegelt eine breitere Sorge unter Staats- und Regierungschefs wider: Das Nadelöhr für KI-Fortschritt ist nicht länger Silizium, sondern Elektronen. Die Metrik „speed-to-power“ — wie schnell ein Standort einen Hochspannungsanschluss (high-voltage connection) sichern kann — hat „Flops“ als kritischen KPI für Tech-Giganten ersetzt.
Während Politiker mit dem Netz ringen, verdoppeln Tech-Führer ihre Wetten auf das „KI‑Fabrik“-Modell. Jensen Huang, CEO von Nvidia, beschrieb den aktuellen Moment als den Katalysator für den „größten Infrastrukturausbau der Menschheitsgeschichte“.
Vor einem vollen Publikum betonte Huang, dass sich die Branche von General-Purpose-Computing zu beschleunigtem Computing wandelt und dies einen kompletten Umbau der weltweiten Rechenzentrumsarchitektur erfordert. Dies ist kein Software-Update; es ist ein Bauprojekt von planetarischem Ausmaß. Es geht nicht nur darum, Hüllen für Server zu errichten, sondern fortschrittliche Flüssigkeitskühlung (liquid cooling) einzusetzen, Bodentragfähigkeiten für schwerere Racks zu verstärken und große Landflächen in der Nähe von Energiequellen zu sichern.
Dieser physische Ausbau bietet eine einzigartige geopolitische Chance. Huang wies darauf hin, dass, während die USA und China die Entwicklung der grundlegenden Modelle dominieren, Europa in besonderer Weise positioniert sei, von der Physikalität der KI zu profitieren. Mit seiner robusten Hochtechnologie-Fertigungsbasis könnte Europa zum Maschinenraum für die Apparate werden, die KI antreiben — von Kühlpumpen bis zu Stromverteilungseinheiten.
Während die Energie die Schlagzeilen dominiert, ist die Infrastrukturkrise vielschichtig. Die „KI‑Geschichte für 2026“ handelt auch von den Lieferkettenkomplexitäten beim Bau dieser riesigen Anlagen.
Die Diskussion in Davos legt nahe, dass sich die „Software“-Firmen des vergangenen Jahrzehnts rapide in „Schwerindustrie“-Firmen verwandeln. Microsoft, Google und Amazon zählen inzwischen zu den weltweit größten Abnehmern von erneuerbarer Energie und Baumaterialien und verändern damit grundlegend die globalen Rohstoffmärkte.
Das Infrastrukturrennen hat sich zwangsläufig mit Fragen der nationalen Sicherheit und wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit verknüpft. Satya Nadella, CEO von Microsoft, begrüßte die „intensive Rivalität“ in diesem Sektor und prognostizierte, dass der Anteil der Technologie am globalen BIP deutlich steigen werde. Dieses Wachstum hängt jedoch von nationaler Kapazität ab.
Die Staaten erkennen, dass „Rechenhoheit“ (compute sovereignty) ohne „Energiehoheit“ (energy sovereignty) unmöglich ist. Wir beobachten eine Divergenz in nationalen Strategien:
Wenn 2025 das Jahr war, in dem die Welt das Potenzial von KI‑Software erkannte, dann ist 2026 das Jahr, in dem die Welt die Kosten der KI‑Hardware erkennt. Die Diskussionen in Davos machen deutlich, dass die digitale Zukunft einen sehr hohen physischen Preis hat.
Für Investoren und Branchenbeobachter ist das Signal eindeutig: Blicken Sie über die Modellersteller hinaus. Die Wertschöpfungskette verschiebt sich hin zu Versorgungsunternehmen, Baufirmen, Kühlspezialisten und Netzbetreibern. Während die KI‑Branche in den nächsten 24 Monaten nahezu 30 zusätzliche Gigawatt an Leistung verlangt, bleibt die entscheidende Frage unbeantwortet: Woher soll die Energie kommen, und wer wird die Leitungen bauen, um sie zu liefern?