
Ein bahnbrechendes künstliches Intelligenzsystem, das von Forschenden im Vereinigten Königreich entwickelt wurde, hat gezeigt, dass es Leukämie und andere Blutkrankheiten mit einer Genauigkeit erkennen kann, die die von menschlichen Experten übertrifft. Das System, bekannt als CytoDiffusion, nutzt generative KI (Generative AI) — dieselbe Technologie, die Bildgeneratoren wie DALL-E antreibt —, um die mikroskopische Struktur von Blutzellen zu analysieren. Entscheidend ist, dass das Modell eine „übermenschliche“ Fähigkeit einführt: die Möglichkeit, seine eigene Unsicherheit mathematisch zu quantifizieren, wodurch Klinikpersonal gewarnt wird, wenn eine Diagnose mehrdeutig ist, anstatt eine selbstsichere, aber falsche Vorhersage zu erhalten.
Die Forschung, geleitet von einem Kooperationsteam der University of Cambridge, University College London (UCL) und Queen Mary University of London, wurde diese Woche im Journal Nature Machine Intelligence veröffentlicht. Diese Entwicklung markiert einen bedeutenden Wandel in KI im Gesundheitswesen (Healthcare AI), weg von einfacher Mustererkennung hin zu einem tiefen morphologischen Verständnis, das diagnostische Abläufe in der Hämatologie potenziell verändern könnte.
Traditionelle medizinische KI‑Werkzeuge werden typischerweise mit „überwachtem Lernen (supervised learning)“ trainiert, wobei sie Bilder in vordefinierte Kategorien einordnen (z. B. „gesund“ vs. „krank“). Obwohl sie bei eindeutigen Fällen wirksam sind, haben diese Modelle oft Schwierigkeiten mit den subtilen, unregelmäßigen Variationen, die bei Blutkrebserkrankungen in frühen Stadien auftreten. Sie neigen außerdem dazu, „zu selbstsicher“ zu sein, indem sie falschen Annahmen hohe Wahrscheinlichkeitswerte zuweisen, wenn sie auf bislang unbekannte Daten stoßen.
CytoDiffusion verfolgt einen anderen Ansatz. Durch den Einsatz von Generative KI-Techniken — insbesondere Diffusionsmodelle (diffusion models) — erlernt das System die gesamte Bandbreite dessen, wie normale und abnorme Blutzellen aussehen. Anstatt nur eine Grenze zwischen zwei Kategorien zu ziehen, erfasst es die komplexe Verteilung der Zellmorphologie. Dadurch kann es seltene Anomalien und Randfälle (edge cases) erkennen, die traditionelle Modelle — und sogar müde menschliche Augen — übersehen könnten.
„Unser Modell arbeitet anders als standardmäßige KI‑Klassifikatoren“, erklärte Simon Deltadahl, Erstautor der Studie von der University of Cambridge. „Es bildet ein umfassendes Verständnis der Blutzellstruktur. Als wir seine Genauigkeit testeten, war das System den Menschen leicht überlegen. Wo es jedoch wirklich hervorstach, war das Erkennen seiner eigenen Unsicherheit.“
Eine der hartnäckigsten Herausforderungen in der medizinischen Diagnostik (Medical Diagnosis) ist die Variabilität menschlicher Urteile. Hämatologen sind sich bei schwierigen Blutausstrichen oft uneinig, und Ermüdung kann zu Fehlern führen. Frühere KI‑Modelle lösten das Ermüdungsproblem, brachten aber eine neue Gefahr mit sich: Arroganz. Eine Standard‑KI könnte eine verwirrende Zelle mit 99 % Sicherheit als „Leukämie“ klassifizieren, einfach weil sie einem gelernten Muster ähnelt, selbst wenn es sich tatsächlich um ein gutartiges Nachahmungsphänomen handelt.
CytoDiffusion begegnet diesem Problem, indem es neben der Diagnose einen „Unsicherheits‑Score“ liefert. Trifft die KI auf eine Zellstruktur, die nicht klar mit den erlernten Verteilungen bekannter Krankheiten übereinstimmt, markiert sie den Fall zur Überprüfung durch Experten, statt eine Entscheidung zu erzwingen.
In Validierungstests zeigte das System:
| **Merkmal | CytoDiffusion (Generative KI) | Analyse durch menschliche Experten** |
|---|---|---|
| Primäre Erkennungsmethode | Morphologische Diffusionsanalyse | Visuelle Mustererkennung |
| Umgang mit Unsicherheit | Quantifizierte Vertrauenswerte | Subjektive Beurteilung |
| Durchsatzkapazität | Tausende Zellen pro Sekunde | ~100–200 Zellen pro Objektträger |
| Konsistenz | 100 % reproduzierbare Ergebnisse | Variiert je nach Untersucher und Ermüdung |
| Fehlercharakteristik | Markiert unklare Fälle zur Überprüfung | Kann selbstsichere Fehler machen |
Die Einführung von CytoDiffusion soll Hämatologen nicht ersetzen, sondern ihre Fähigkeiten erweitern. In einem typischen Krankenhausumfeld könnte ein Assistenzarzt oder eine Technikerin nach einer langen Schicht Stunden damit verbringen, Blutausstriche zu prüfen — ein Szenario, das anfällig für diagnostische Fehler ist.
„Die klinische Herausforderung, der ich als Assistenzarzt in der Hämatologie gegenüberstand, war, dass ich nach einem Arbeitstag viele Blutausstriche analysieren musste“, bemerkte Dr. Suthesh Sivapalaratnam, Co‑Senior‑Autor von der Queen Mary University of London. „Menschen können nicht alle Zellen in einem Ausstrich betrachten — das ist schlichtweg nicht möglich. Unser Modell kann diesen Prozess automatisieren, Routinefälle priorisieren und alles Ungewöhnliche zur Begutachtung durch Menschen hervorheben.“
Indem es als hochpräziser Filter fungiert, sorgt die KI dafür, dass Spezialisten ihre Aufmerksamkeit auf die komplexesten und kritischsten Fälle richten. Dieser Mensch‑in‑der‑Schleife (Human‑in‑the‑loop)-Ansatz verbessert die Patientensicherheit, indem er die unermüdliche Durchsatzleistung der KI mit der nuancierten Entscheidungsfindung erfahrener Ärztinnen und Ärzte kombiniert.
Der Erfolg von CytoDiffusion bestätigt den Einsatz generativer Modelle in Bereichen jenseits der kreativen Künste. In der Biotechnologie (Biotechnology) könnte dieser Ansatz angepasst werden, um Anomalien in anderen Gewebetypen zu erkennen oder komplexe Genomdaten zu analysieren, bei denen „Unsicherheit“ eine kritische Variable ist.
Während Aufsichtsbehörden die Integration von KI in Krankenhäuser weiterhin bewerten, könnte die Fähigkeit eines Systems, „zu wissen, was es nicht weiß“, zu einer vorgeschriebenen Sicherheitsfunktion werden. CytoDiffusion setzt einen neuen Standard für erklärbare und verlässliche KI in der Medizin und bringt uns näher an eine Zukunft, in der Blutdiagnostik schneller, günstiger und, am wichtigsten, sicherer ist.