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Der „Reverse Exodus“: OpenAI holt Schlüsselkräfte von Mira Muratis 12‑Milliarden‑Dollar‑Venture zurück

In einer überraschenden Umkehr der typischen Silicon‑Valley‑Erzählung erlebt die Branche der künstlichen Intelligenz einen „Reverse Exodus“. Thinking Machines Lab, das hochkarätige Startup, das von der ehemaligen OpenAI‑CTO Mira Murati gegründet wurde, wurde durch den Weggang von drei Mitgründern erschüttert, die zu ihrem früheren Arbeitgeber OpenAI zurückkehren. Diese Entwicklung, weniger als ein Jahr nach der aggressiv bewerteten Seed‑Finanzierungsrunde (seed round) des Startups, unterstreicht eine kritische Verschiebung in der KI‑Landschaft von 2026: Im Kampf um Dominanz kann rohes Kapital offenbar nicht mehr als ausreichender Ersatz für etablierte Recheninfrastruktur dienen.

Der Abgang von Barret Zoph, Luke Metz und Sam Schoenholz markiert einen bedeutenden Wendepunkt. Während 2024 und 2025 von Spitzenforschern geprägt waren, die sich abspalteten, um „souveräne“ KI‑Labore zu gründen, zeigt das frühe 2026 die enorme Anziehungskraft der etablierten Giganten. Für Creati.ai dient dieses Ereignis als Fallstudie zur Volatilität des aktuellen KI‑Talentmarktes, in dem Loyalitäten ebenso schnell wechseln wie Modellarchitekturen.

Das 12‑Milliarden‑Dollar‑Einhorn: Große Hoffnungen und harte Realitäten

Thinking Machines Lab startete im Februar 2025 mit einer Herkunft, die sofort die Aufmerksamkeit der Branche auf sich zog. Gegründet von Mira Murati, einer zentralen Figur bei der Entwicklung von ChatGPT und DALL‑E, positionierte sich das Unternehmen als nächste große Grenze der agentischen KI (agentic AI), also Systeme, die zu autonomen Handlungen fähig sind statt nur Text zu erzeugen.

Die Finanzmärkte reagierten mit historischer Euphorie. Bis Juli 2025 hatte das Unternehmen eine 2‑Milliarden‑Dollar‑Seed‑Finanzierungsrunde (seed round) unter Leitung von Andreessen Horowitz gesichert, die seine Bewertung auf erstaunliche 12 Milliarden Dollar katapultierte, noch bevor ein einziges Flaggschiffprodukt öffentlich veröffentlicht worden war. Das Cap‑Table las sich wie ein „Who’s who“ der Tech‑Elite, einschließlich strategischer Investitionen von Nvidia, AMD, Cisco und Jane Street. Sogar die Regierung Albaniens, Muratis Herkunftsland, beteiligte sich mit einer symbolischen Investition von 10 Millionen Dollar.

Die „Stealth“-Phase von Thinking Machines Lab war jedoch von internem Druck geprägt. Während das Unternehmen „Tinker“, eine API zum Fine‑Tuning (fine‑tuning) von Modellen mit offenen Gewichten (open‑weight models), veröffentlichte, hat es bisher kein Grundlagenmodell (foundational model) bereitgestellt, das mit GPT‑5 oder Claude 4 konkurriert. Berichte aus Branchenkreisen deuten darauf hin, dass die interne Reibung aus einer Diskrepanz zwischen der massiven Bewertung des Unternehmens und seiner tatsächlichen Produktgeschwindigkeit entstand, verschärft durch die schiere Schwierigkeit, von Grund auf einen Rechencluster zu bauen, der mit der ausgereiften Infrastruktur von OpenAI konkurrieren kann.

Die Überläufer: Eine koordinierte Rückkehr zum „Mutterschiff“

Der Weggang von drei Gründungsmitgliedern innerhalb einer Woche ist nicht nur ein Personalwechsel; es ist ein struktureller Bruch. Die beteiligten Personen waren nicht nur frühe Mitarbeiter, sondern Architekten der technischen Vision des Unternehmens.

Barret Zoph

Als ehemaliger CTO von Thinking Machines Lab war Zoph wohl der wichtigste technische Vermögenswert nach Murati selbst. Als ehemaliger VP of Research bei OpenAI und sechsjähriger Veteran von Google Brain genießt Zoph große Anerkennung für seine Arbeit zu Post‑Training und Reinforcement Learning. Sein Weggang wurde von Murati am 14. Januar 2026 in einem Post bekanntgegeben, der auffällig den Ausdruck „parted ways“ verwendete und sofort Spekulationen auslöste.

Luke Metz und Sam Schoenholz

Fast zeitgleich reichten Mitgründer Luke Metz und der Schlüsselwissenschaftler Sam Schoenholz (in internen Dokumenten oft als Mitgründer genannt) ihre Kündigungen ein. Wie Zoph sind beide Alumni der Google/OpenAI‑Forschungspipeline. Ihre Entscheidung, als Block zu wechseln, deutet auf einen koordinierten Vertrauensverlust in die Richtung des Startups hin — oder auf ein koordiniertes Angebot von OpenAI, das zu gut war, um abzulehnen.

Fidji Simo, OpenAIs CEO of Applications, bestätigte den Schritt nur 58 Minuten nach Muratis Ankündigung und hieß das Trio bei OpenAI willkommen. Das Timing lässt vermuten, dass diese Übergabe bereits wochenlang verhandelt worden war und damit die Erzählung einer plötzlichen Trennung untergräbt.

Die Kontroverse um „unethisches Verhalten“

Die Erzählung wird durch hartnäckige Gerüchte über die Natur von Zophs Abgang verkompliziert. Während Muratis öffentliche Erklärung diplomatisch war, ließen Quellen mit Nähe zur Situation durchblicken, dass Zoph wegen „unethischen Verhaltens“ entlassen worden sei, konkret wegen des angeblichen unautorisieren Teilens vertraulicher Informationen mit Wettbewerbern. OpenAIs sofortige und öffentliche Aufnahme von Zoph wirft jedoch Zweifel an der Schwere dieser Vorwürfe auf oder deutet zumindest darauf hin, dass OpenAI seinen technischen Wert höher bewertet als eventuelle reputationsbezogene Lasten.

Der „Gravitationsbrunnen“ der Rechenleistung: Warum Kapital nicht ausreicht

Für Branchenbeobachter ist die wichtigste Lehre aus dieser Saga das Konzept des „Gravitationsbrunnens der Rechenleistung“ (Compute Gravity Well). 2026 vergrößert sich die Lücke zwischen dem Haben von Geld, um GPUs zu kaufen, und dem Haben eines operativen Clusters von 100.000 H100s (oder den neueren B200s).

Thinking Machines Lab hatte 2 Milliarden Dollar auf dem Konto. Dennoch braucht der Aufbau der physischen und Software‑Infrastruktur zum Training von Spitzenmodellen Zeit — eine Zeit, die für Forscher, die an die nahtlosen Umgebungen von OpenAI oder Google gewöhnt sind, frustrierend sein kann. OpenAI bietet eine Umgebung, in der Experimente heute in großem Maßstab durchgeführt werden können. Für Forscher wie Zoph und Metz, deren Karrieren vom Publizieren und Ausliefern von Durchbrüchen abhängen, kann das Warten auf die Reife der Infrastruktur in einem Startup wie berufliche Stagnation wirken.

Dieses Ereignis signalisiert eine mögliche Abkühlung der „Splinter‑Stack“-These (splinter stack thesis), die postulierte, dass kleine, elitäre Teams größere Labore übertreffen könnten. Stattdessen beobachten wir eine Konsolidierung, in der die massiven Rechen‑Moats, die von Microsoft/OpenAI und Google/DeepMind aufgebaut wurden, Talente zurückgewinnen, die ausgeschwärmt waren, aber die logistischen Realitäten des Startup‑Lebens als erstickend empfanden.

Schadensbegrenzung: Soumith Chintala übernimmt das Ruder

In einem Zug, der weithin als brilliante Stabilisierungstaktik angesehen wird, kündigte Mira Murati an, dass Soumith Chintala als neuer CTO von Thinking Machines Lab einspringen werde. Chintala ist eine Größe in der Open‑Source‑KI‑Community, am bekanntesten als Mitbegründer von PyTorch, dem Deep‑Learning‑Framework, das den Großteil der heutigen KI‑Forschung antreibt.

Chintalas Eintreffen sendet ein starkes Signal an die Entwicklergemeinschaft. Während Zoph den proprietären, Closed‑Source‑„OpenAI‑Stil“ der Forschung repräsentierte, steht Chintala für Transparenz, Community‑Zusammenarbeit und Entwickler‑Tooling (developer tooling). Dies könnte einen Richtungswechsel für Thinking Machines Lab einläuten — weg vom Versuch, OpenAI mit einem geschlossenen Grundlagenmodell (foundational model) zu übertrumpfen, hin zum Aufbau der ultimativen Tooling‑ und Infrastrukturschicht für das „Agentic Web“.

Branchenimplikationen: Die neuen Regeln des Talentkriegs

Der Vorfall bei „Thinking Machines“ wird wahrscheinlich eine dämpfende Wirkung auf den Venture‑Capital‑Einsatz im Jahr 2026 haben. Investoren könnten nun „Pre‑Product“-Bewertungen (pre‑product valuations) kritischer prüfen und klarere Roadmaps dafür verlangen, wie Startups planen, Talente gegenüber der Anziehungskraft der etablierten Anbieter zu halten.

Darüber hinaus hebt es die aggressiven Bindungsstrategien von OpenAI hervor. Indem OpenAI Überläufer mit offenen Armen (und wahrscheinlich erheblichen Vergütungspaketen) aufnimmt, signalisiert es, dass die Tür für Spitzenkräfte immer offensteht — wodurch die Entscheidung für Forscher, zu gehen, faktisch entrisikisiert wird, aber zugleich ein Anreiz geschaffen wird, zurückzukehren, wenn das Startup‑Leben untragbar wird.

Die kommenden Monate werden für Mira Murati kritisch sein. Der Verlust ihrer technischen Mitgründer ist ein Rückschlag, doch mit 2 Milliarden Dollar Finanzierung und Soumith Chintala an der technischen Spitze ist Thinking Machines Lab bei weitem noch nicht aus dem Spiel. Die Herausforderung besteht nun darin zu beweisen, dass das Unternehmen mehr ist als nur ein Auffangbecken für Talente, die darauf warten, zu den Giganten zurückzukehren.

Vergleichende Analyse: OpenAI vs. Thinking Machines Lab

Die folgende Tabelle skizziert den aktuellen Zustand der beiden Akteure in diesem Talentkampf und hebt die Unterschiede in Ressourcen und Führung hervor.

Metric Thinking Machines Lab OpenAI
CEO Mira Murati (ex‑OpenAI CTO) Sam Altman
Key Technical Leader Soumith Chintala (CTO, Creator of PyTorch) John Schulman / Jakub Pachocki
Primary Focus Agentische KI (agentic AI), „Tinker“ Fine‑Tuning‑API AGI, GPT‑Serie, Sora, Voice Engine
Valuation $12 Billion (Seed Stage) $150 Billion+ (Series E/Secondary)
Compute Capacity Aufbauphase (abhängig von Nvidia/AMD‑Zuteilungen) Ausgereifte Phase (Microsoft Azure Supercomputers)
Recent Talent Flow 3 Mitgründer verloren (Zoph, Metz, Schoenholz) 3 Schlüsselwissenschaftler zurückgewonnen, konsolidierte Forschungsteams
Strategic Advantage Agilität, Open‑Source‑DNA (durch Chintala) Enorme Rechenkapazität, Distribution (ChatGPT)
Capital Reserves ~$2 Billion (Cash on hand) ~$10 Billion+ (Zugang zu MSFT‑Kreditlinien)

Diese „Bumerang“-Talentbewegung erinnert eindringlich daran: In der hochriskanten Welt der künstlichen Intelligenz ist die einzige Konstante die unerbittliche Jagd nach Rechenleistung und den brillanten Köpfen, die in der Lage sind, sie zu nutzen.

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